19. Internationale Touristische Friedensfahrt 2002
Berlin-Warschau-Minsk-Moskau-"Goldener Ring "(Wolga)

 

Vorwort

In der Zeit vom 08.06.2002 bis zum 30.06.2002 nahmen unsere beiden Vereinsmitglieder Friedhelm Kirstein und Rolf Löhken an der 19. Internationalen Touristischen Friedensfahrt von Berlin nach Moskau teil.

Friedhelm hat seine Erlebnisse während dieser Tour in einem sehr interessanten Bericht zusammengefasst, den wir Ihnen an dieser Stelle präsentieren wollen.

Viel Spass beim Lesen!

1. Etappe Sa. 8. 6. Ludwigsfelde - Berlin - Gusow 110 km

Nach der Übernachtung im bekannten "Turbienchen" in Ludwigsfelde, kurz vor der Abfahrt zum Sammelpunkt Potsdamer Platz, ereilt Herbert ein Missgeschick: Autoschlüssel im Kofferraum, Kofferraumdeckel zu, und sein Rad ist zunächst für ihn unerreichbar. Wir fahren ohne ihn zum Potsdamer Platz, dort gibt es ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten. Um 15 Uhr dann Start Richtung Gusow ohne Polizeieskorte. Das hohe Tempo der Spitzengruppe und die vielen Ampeln führen dazu, dass von einem geschlossenen Feld keine Rede sein kann. Auf dieser Etappe bekomme ich Kontakt mit Horst Jürgen Jost. Er sagt mir, dass die Gegend, durch die wir jetzt fahren, seine Heimat sei und er sich deshalb hier gut auskennen würde. Außerdem sei ihm der Weg bis Moskau nicht unbekannt. Dieses, seine Sprachkenntnisse, Polnisch und Russisch und seine Absicht, das sich schon abzeichnende Pseudorennen nicht mitzumachen, veranlassen mich, mit ihm zu fahren. Mein Hinweis, dass das Etappenziel vor Seelow liegt, wird von ihm korrigiert: "Gusow liegt hinter Seelow." Als wir Gusow erreichen, muss er seinen Irrtum zugeben.
Nach dem Abendessen stellen sich alle Teilnehmer vor.

2. Etappe So. 9. 6. Gusow - Küstrin (Grenze) - Gorzow 100 km

Die Wetterlage am Morgen verheißt nichts Gutes. Noch vor dem Start beginnt es zu nieseln. Herbert wird, nachdem das Problem mit der Aussperrung erledigt ist, mit dem Auto nach Gusow gebracht. Als wir uns zum Start fertig machen, hört der Regen auf. Hinter Seelow besuchen wir die Gedenkstätte: "Seelower Höhen": Verlustreiche Kämpfe im 2. Weltkrieg von Januar bis März 1945. Nach dem Grenzübergang Deutschland-Polen besichtigen wir das, was von der preußischen Festung Küstrin übrig geblieben ist. Rolf hat sich uns, Horst Jürgen und mir angeschlossen. Wir fahren durch das Wartebruch und verpassen einen Abzweig nach links. Als wir es bemerken, sind wir zu weit von der Abzweigstelle entfernt. Ein Blick auf den Streckenplan verrät uns eine Alternativstrecke, auf der wir die Verpflegungsstelle erreichen können. Dabei kommt uns der größte Teil der anderen Fahrer im geschlossenen Verband entgegen. Die wundern sich, wir uns nicht. An der Verpflegungsstelle, auch Buffet genannt, bekommen wir vom Tourchef Peter polnische Valuta.
Nach dem Abendessen Spaziergang durch Gorzow.

3. Etappe Mo. 10. 6. Gorzow - Chodziez 140 km

Wetterlage am Morgen: es sieht nach Regen aus, da der Himmel wolkenverhangen ist.
2 km nach dem Start, wir befinden uns noch im Stadtgebiet, bricht mir beim Schaltvorgang an der rechten Lenkerseite der Hebel ab. Der Verpflegungswagen überholt mich, und dabei gelingt es mir, Erika, die als Beifahrerin im Wagen sitzt, zu informieren. Außerhalb des Stadtgebietes erkenne ich während der Fahrt, dass der Defekt behoben werden kann: Eine Befestigungsschraube ist verloren gegangen. Der Mechaniker in einer dörflichen Autoreparaturwerkstatt erweist sich als hilfsbereit. In der Schraubenkiste finden wir etwas Passendes. Einige km weiter der nächste Defekt. Rolf hat einen Platten.
Wir verpassen wieder einen Abzweig und Horst Jürgen führt uns auf einen 10 km langen Sandweg. Wir verlieren dadurch viel Zeit. Auf der offiziellen Strecke sind wir auch nicht mehr. Das Buffet ist längst abgebaut. Wir versorgen uns in einem kleinen Laden.
In Czarnkowi fahren Horst Jürgen und Rolf ca. 300 m vor mir. An einem mit Büschen und Bäumen umstandenen Kreisverkehr verliere ich den Sichtkontakt zu den beiden. Als ich Sekunden später zu dem Kreisel komme, ist von Rolf und Horst Jürgen nichts zu sehen. Ich entschließe mich, geradeaus zu fahren. Dabei komme ich durch die belebte Innenstadt, finde aber nach kurzer Orientierung mittels Etappenplan die Ausfallstraße nach Chodziez und erreiche vor den anderen das Quartier.

4. Etappe Di. 11. 6. Chodziez - Torun 140 km

Am Morgen teilt uns Rolf mit, dass er gerne etwas schneller und in einer größeren Gruppe (Windschatten) fahren möchte. Ich bin nun mit Horst Jürgen allein. Das Wetter ist gut, leichter Rückenwind und wenig Verkehr. Wir fahren häufig nebeneinander und können uns so angeregt unterhalten, auch über Dinge, die mit dem Radfahren nichts zu tun haben. Auch heute erreichen wir das Buffet nicht mehr, deshalb ist Selbstversorgung angesagt. 30 km vor Torun machen uns die vielen Querrillen im Asphalt zu schaffen. Horst Jürgen hat es da besser als ich, fährt er doch ein Mountainbike mit Federgabel und gefederter Sattelstütze.
Als wir die Weichsel erreichen, geht ein kurzer aber kräftiger Regenschauer auf uns nieder. Da wir 500 m vor dem Quartier sind, verzichten wir auf das Anlegen der Regenjacken. Die Räder werden im Weinkeller des Hotels deponiert.

Am Abend dann wieder eine fachkundige Stadtführung. Ich mache diese nicht mit, da ich 1999 schon einmal hier war (Fahrt nach St. Petersburg).

5. Etappe Mi. 12. 6. Torun - Plock 140 km

Auch heute ist das Wetter günstig. Da mir nach vier Etappen die kleinen Anstiege (das Gelände ist wellig) leichter fallen als an den Vortagen, entschließe ich mich, entgegen der Absprache mit Horst Jürgen, bei km 60 eine Pause zu machen, bis km 73 mit erhöhtem Tempo durchzufahren, um das Buffet noch zu erreichen. Nach der Marschtabelle soll es vor der Weichselbrücke im Uferbereich sein. Mein Vorhaben gelingt, ich stärke mich. Horst Jürgen kommt auch noch 15 Minuten später in den Genuss von Speise und Trank.
Jetzt fahren wir wieder zusammen. Es geht nun im südlichen Uferbereich der Weichsel Richtung Plock. Kurz vor dieser Stadt überqueren wir wieder den Fluss. Dabei übersieht Horst Jürgen, vor mir fahrend, ein Verbotsschild "Für Fuhrwerke und Radfahrer verboten". Meine Rufe erreichen ihn nicht. Ich fahre hinterher, und wir müssen den Zorn der Autofahrer über uns ergehen lassen.
Am Abend wieder eine Stadtführung mit Besichtigung einer Gedenkstätte E.T.A. Hoffmann betreffend.

6. Etappe Do. 13. 6. Plock - Warschau

Mein Beschluss, den ich vor drei Tagen gefasst habe, an meinem Geburtstag einen individuellen Ruhetag einzulegen, wird realisiert. Das Rad wird auf den Gepäck-LKW geladen, und ich fahre als Gast von Erika und Bernd im Verpflegungswagen mit. Beim Einrichten des Buffets an der Chopin-Gedenkstätte helfe ich mit.

Gegen Mittag erreichen alle das Zentrum von Warschau. Dort wird das Schloss besichtigt. Am Abend im Internationalen Youth Hostel Geburtstagsfeier in kleinem Kreis. Ein kräftiges Gewitter entlädt sich über der polnischen Hauptstadt.


7. Etappe Fr. 14.6 Warschau - Biala Podlaska 150 km

Auf Anraten von Peter verzichten Horst Jürgen und ich auf die Fahrt zum Rathaus, wo ein Empfang geplant ist. Statt dessen fahren wir mit den Begleitfahrzeugen direkt zum ersten Buffet und helfen bei der Einrichtung, bevor wir auf die Strecke gehen.

Kurz vor Erreichen des 2. Buffets überholt uns die Spitzengruppe. Hier wird deutlich, dass einige die Tour als Wettbewerb betrachten und danach handeln. Es kommt nämlich Unmut auf, denn während der eine oder andere damit beschäftigt ist sich zu verpflegen, machen sich ein paar klammheimlich auf und davon. Ich fahre mein individuelles Tempo und merke 20 km vor dem Etappenziel, dass Horst Jürgen weit zurückgefallen ist. An einer Bushaltestelle warte ich ca. 20 Minuten auf ihn. Das Quartier, das Hotel "Oskar", zu finden ist nicht einfach. Wir müssen ein paar Mal fragen, dabei sind die speziellen Sprachkenntnisse von Horst Jürgen hilfreich.

8. Etappe Sa. 15. 6. B. Podlaska - Brest (Grenze) - Kobryn 90 km

Heute erfolgt der Grenzübergang nach Weißrussland. Flotte Fahrt bei beträchtlichem Rückenwind. Nach 45 km bei Terespol dann die Grenzformalitäten. Es dauert länger als an der Grenze "Deutschland- Polen". Wir müssen uns nach Startnummern geordnet aufstellen, Helm und Mütze abnehmen. Der weißrussische Grenzbeamte mustert jeden von uns mit einem Blick, der uns das Blut in den Adern gefrieren lässt. Alexander (Sascha) Jeroferew stößt hier zu uns:
In Brest besichtigen wir das bombastische Ehrenmal auf dem Gelände der ehemaligen Festung. Hoher, stählerner Obelisk, feierliche Musik, ewige Flamme. Bei der Ausfahrt aus Brest passieren wir ein Gelände, auf dem historische Lokomotiven ausgestellt sind. Für einige gibt es nun kein Halten mehr, sie steigen über einen Zaun, um besser fotografieren zu können.
Es geht nun Richtung Kobryn. Während wir in geschlossenem Verband die Peripherie von Brest durchfahren, macht der hinter mir fahrende Herbert mich auf ein Luftdruckdefizit am Hinterrad aufmerksam. Ich spüre auch schon ein gewisses schwammiges Fahrgefühl und vermute einen Platten. Um die "Karawane" nicht aufzuhalten, kommt das Rad auf den Gepäckwagen. Ich fahre im Auto von Bernd und Erika die wenigen km bis Kobryn. Wenig später passiert das Gleiche mit Werner Pätz.
Die Ankunft in Kobryn erfolgt am späten Nachmittag, so dass vor dem Abendessen noch ein Besuch des Suworow-Museums stattfinden kann.. Bei der Gelegenheit empfangen uns die Museumsleute mit dem traditionellen "Brot und Salz". Nach dem Abendessen widme ich mich meinem Rad. Dabei stelle ich fest, dass es sich wahrscheinlich um einen sogenannten "Schleicher" handeln muss.

9. Etappe S0. 16. 6. Kobryn - Baranovici 150 km

Nachdem wir den Startort Kobryn verlassen haben, fahren wir nun auf der vierspurigen Magistrale. Zu unserem Erstaunen ist die Verkehrsdichte nicht so groß, wie befürchtet. Außerdem können wir den breiten Randstreifen benutzen. Die Anzahl und Größe der Schlaglöcher hält sich hier in Grenzen. Auch heute fahre ich wieder mit Horst Jürgen zusammen. Wir rätseln, an welcher Stelle das Buffet sein wird. Nach der Marschtabelle sollte es bei km 64 nach Bereza am Fluss sein. Doch an dieser Stelle ist kein Buffet. Schon wieder abgebaut, bevor wir es erreichten? Meine Trinkflasche ist längst leer und der Durst wird immer größer.
Der Gepäckwagen steht auf dem Standstreifen, Bananen und Müsliriegel sind an Bord, jedoch keine Getränke. Christel bemerkt meine Enttäuschung. Sie lädt mich ein, einzusteigen, um mich zum 2. Buffet zwecks Versorgung zu fahren. Ich zögere nicht und versäume dabei, Horst Jürgen von meinem Vorhaben zu informieren. Am späten Nachmittag, nach der Ankunft von Horst Jürgen im Quartier, entschuldige ich mich in aller Form für mein Verhalten.
Am Abend Tanz im Restaurant des Hotels (Hochzeitsgesellschaft). Viele von uns, auch ich, schwingen das Tanzbein.

10. Etappe Mo. 17. 6. Baranovici - Minsk 150 km

Auch heute ist das Wetter, wie an den Vortagen, gut. Der leichte Rückenwind ermöglicht, dass ich mit 28-30 km/h fahren kann. Klar, dass bei diesen Bedingungen die Cracks weit schneller fahren. Ich erreiche nach ca. 60 km noch das erste Buffet. Horst Jürgen ist weit hinter mir. Er kann sich hier aber auch noch stärken. Von nun an bleiben wir zusammen. Am frühen Nachmittag sehen wir vor uns im Osten dunkle Wolken. 15 km vor Minsk fallen die ersten Tropfen. Eine Bushaltestelle bietet sich als Unterstand an. Dort warten wir, bis das Unwetter sich verzogen hat. Nach einer langen Kreuz-und Querfahrt durch Minsk finden wir das Quartier. Dabei sind die Sprachkenntnisse von Horst Jürgen hilfreich. Wir sind diesmal in einer Sporthalle untergebracht, wo es für jeden eine Liege gibt. Später erfahren wir, dass die Spitzengruppe bei der Einfahrt nach Minsk, begleitet von einer Polizeieskorte, den Regenguss voll über sich ergehen lassen musste. Eine große Trocknungsaktion ist die Folge. Vor dem Abendessen dann noch die obligatorische Stadtbesichtigung per Bus.

11. Etappe Di. 18. 6. Minsk - Orsa 225 km

Lange vor Antritt der Tour stand fest, dass ich diese Marathon-Etappe für mich verkürzen werde. Und so sitze ich bis zum 1. Buffet bei km 73 im Verpflegungswagen. Bei der morgendlichen Etappen-Besprechung wird erwähnt, dass man die erste Abfahrt nach Orsa befahren soll. Da ich wegen der individuellen Verkürzung vor dem Hauptfeld fahre, komme ich als erster 20 km nach Tolocin an eine Stelle mit dem Hinweisschild "Orsa" (OPWA) 25 km rechts ab. Mir erscheint dieser Abzweig suspekt. Ich halte an und warte auf den Tourchef. Als er erscheint, erfahren ich und andere aus der Spitzengruppe, dass nicht diese Abfahrt gemeint ist. Um nachfolgende Fahrer zu informieren, wird ein rotes ITF-Schild aufgehängt, das den Weg "geradeaus" weist. Die restliche Strecke nach Orsa fahre ich mit Wilfried Wacker zusammen, der mein moderates Tempo scheinbar genießt.
Später erfahre ich, dass Horst Jürgen das schon erwähnte rote Schild ignorierend rechts abgebogen und damit in die "Pampa" geraten ist.

12. Etappe Mi. 19. 6. Orsa - Smolensk 122 km

Heute passieren wir nach 50 km die weißrussisch-russische Grenze. Vor dem Zerfall der UdSSR gab es diese Grenzstation nicht. An der Grenze ein längerer Aufenthalt. Hier nutzen viele die Gelegenheit, bei einem "Fliegenden Händler" Euro gegen russische Rubel zu tauschen. Die Gedenkstätte "Katyn" liegt 15 km vor Smolensk. Diese besuchen wir, und die Führerin berichtet von dem Massaker an den polnischen Offizieren im 2. Weltkrieg.
Um zum Etappenziel , ein gutes Hotel in Smolensk, zu kommen, müssen wir aus dem Djepr-Tal kommend, eine längere Steigung überwinden. Am Ziel angekommen, ich bin noch nicht vom Rad abgestiegen, reicht mir Andre Immer ein kühles Pivo.
Abends dann wieder eine Stadtbesichtigung zu Fuß.

13. Etappe Do. 20. 6. Smolensk - Vjasma 150 km

Kurz nach dem Start am Morgen geht es über den Djepr und dann steil hinauf, bis wir die Hochfläche mit der vierspurigen Magistrale erreichen. Erstmals muss ich einen kleinen Gang einlegen. Heute begleiten uns einige junge, in Smolensk ansässige Radsportler. Das Gelände ist sehr wellig und die Straße folgt der Topografie, so dass man den Eindruck hat, auf einer Berg- und Talbahn zu fahren. Es ist eben die hügelige Landschaft der "Zentralrussischen Platte". Hier häufen sich auch die Defekte (Platten). Gerd Heidemann, der mich überholt, berichtet von einem fremden Radfahrer, der ihn schon eine Weile verfolgt. Er vermutet mafiose Machenschaften. Als ich diesen Radler zu Gesicht bekomme, erkenne ich, dass es sich um einen der uns begleitenden jungen Radsportler handelt, der allerdings durch sein ziviles Outfit nicht als solcher in Erscheinung tritt.
Ich merke während der Fahrt, dass sich bei meinem hinteren Laufrad der Defekt "Schleicher", bisher durch tägliches Aufpumpen am Morgen in Grenzen haltend, nun so ausweitet, dass ich alle 10 km absteigen und mit der Handpumpe für den nötigen Luftdruck sorgen muss. In Vjasma, nachdem mich Peter mit seinem Golf überholt und ich einen Bahnübergang überquere, ist der Platten perfekt. Ich steige vom Rad und bin im nu von einem Schwarm lästiger Fliegen umgeben. Ich mache mich ans Werk, ein Auto hält in meiner Nähe, ein Russe steigt aus, ich gebe durch entsprechende Gesten zu verstehen, welchen Defekt ich zu beheben gedenke. Dabei erwähne ich den Namen des Quartiers :"Wajenni gorodok". Seine Gesten verstehe ich so, dass das nicht mehr weit sein kann. Die gestenreiche Verständigung geht weiter, indem ich meinerseits einer plötzlichen Eingebung folgend ihm signalisiere, dass es mein Wunsch ist, dort hingebracht zu werden. Der Russe versteht mein Anliegen, und in wenigen Minuten bin ich im Quartier. "Spassivo, spassivo", und der Russe freut sich über eine Schachtel mit Müsliriegel.
Wajenni gorodok ist eine von der Bundesrepublik errichtete Siedlung für Offiziere als Gegenleistung für den Abzug der Roten Armee aus Deutschland nach der Wende. Am Abend behebe ich den Defekt an dem Hinterrad ohne Belästigung durch Fliegen.

14. Etappe Fr. 21. 6. Vjasma - Kubinka 200 km

Bevor wir uns auf die lange Strecke begeben, ist vor dem Rathaus in Vjasma ein offizieller Empfang mit Austausch von Grußadressen.
Auch diese lange Etappe verkürze ich wie bereits gehabt. Nach dem Einbau des reparierten Hinterrades gibt es Schwierigkeiten mit der Schaltung. Ich kann nur noch zwei mittlere Ritzel bedienen, fahre aber trotzdem los, da ich wegen des Dreifach-Kettenblattes genügend Möglichkeiten habe, was die Übersetzung betrifft. Lubos und Peter W. überholen mich und singen dabei: "Caramba, Karacho, ein Whiskiy Caramba , Karacho ein Gin". Ich rufe ihnen die Fortsetzung :"Verdammt, Sacramento ,Dolores, und alles ist wieder hin", hinterher. Ob sie es noch gehört haben, weiß ich nicht. Wegen der falschen Einschätzung der Entfernung bis zum Abzweig nach Kubinka und der kyrillischen Schreibweise dieses Ortsnamens fahre ich 21 km zu weit. An einer Kreuzung mit Ampel halte ich an, ich schaue auf den Streckenplan und erkenne, dass ich zu weit gefahren bin. Ein Milizionär bestätigt mir das. Also zurück. Es ist das Gebiet, wo Napoleons Truppen 1812 die russischen Stellungen nicht durchbrechen konnten. Im 2. Weltkrieg haben hier erbitterte Panzerschlachten stattgefunden.
In Kubinka frage ich mehrmals nach "Naroforminskoje Chausse 4". Jedesmal führt man mich zum Stadtbehörde- Haus. Und da ist kein Quartier. Es dauert etwas, bis ich einen roten ITF-Pfeil und das breite ITF-Transparent entdecke. Es ist die zweite Unterkunft in einer Sporthalle. Da ich wegen des Umweges als Letzter ins Ziel komme, habe ich nun beim Duschen freie Bahn.

15. Etappe Sa. 22. 6. Kubinka - Moskau 80 km

Am Morgen, beim Einladen des Gepäcks, bittet Peter mich, das schon erwähnte ITF-Transparent abzumachen und einzurollen. Die Stelle, ein Geländer an der es am Vortag befestigt worden war, ist leer. Über Nacht wurde es gestohlen. Peter trägt es mit Fassung. Herbert, den ich bitte, mein Hinterrad zu inspizieren, stellt einen Speichenbruch fest. Dies zu reparieren, bleibt nun keine Zeit. Die Hinterradbremse wird aufgemacht.
Nach 50 km erreichen wir das Ortseingangsschild von Moskau. Nun begleitet uns die Polizei bis zum Roten Platz. Dort begrüßen uns viele Angehörige, die mit dem Flieger nach Moskau gekommen sind. Auch Wladimir Jurosow, der die Fahrt zum "Goldenen Ring" organisiert hat, ist dabei. Absperrungen am Rande des Roten Platzes, im Hintergrund spielt eine Militärkapelle: Gedenkfeierlichkeiten, 22. 6. 1941, Überfall auf die Sowjetunion (Unternehmen Barbarossa).

Die Zimmerverteilung im großen Hotel "Rossia" nimmt eine längere Zeit in Anspruch. Herbert bringt derweil meine Schaltung in Ordnung. Am Nachmittag dann eine ausgedehnte Exkursion per Bus.


So. 23. 6. Ruhetag mit fußläufigen Besichtigungen in Moskau

Roter Platz, Kaufhaus Gum, Kreml oder individuell.

Am späten Vormittag legen wir am Grabmal des unbekannten Soldaten vor der Kremlmauer Blumen nieder. Da ich den Kreml schon dreimal besucht habe, gehe ich nicht mit. Statt dessen spaziere ich durch den Alexander-Park.

Am Abend Feuerwerk auf dem Roten Platz.


16. Etappe Mo. 24. 6. Moskau - Pereslawl Salesskij 150 km

Die Gruppe der aktiven Radler ist nun etwas kleiner, da nicht jeder den sog. "Goldenen Ring", wo wir die Wolga erreichen sollen, abfahren wollte. Bevor es mit Polizeieskorte in nördliche Richtung geht, ist noch ein wichtiger Termin wahrzunehmen. Wir werden bei strömendem Regen vom Regierenden Bürgermeister von Berlin und von seinem Moskauer Kollegen anlässlich der Einweihung des "Berlin-Hauses" begrüßt. Eine Militärkapelle in Zivil spielt unablässig. Als sie den Radetzki Marsch anstimmt, singen einige mit. Meine magentafarbene Mütze veranlasst Wowereit zu der Bemerkung: "Und die Telecom ist auch dabei".

Das Tempo, das bei der Ausfahrt aus Moskau vorgelegt wird, ist enorm. Es fällt mir nicht leicht da mitzuhalten, aber in der Gruppe und mit Polizei vorneweg, fühlt man sich doch sicherer. Nach 40 km, die Peripherie der Millonenstadt liegt hinter uns, sehe ich bei einer kleinen Pause rot. Ich denke an meine Gesundheit und beschließe, beim Buffet für heute Schluss zu machen. Bis zur Klosteranlage Sergijev Possad, früher Sagorsk genannt, sitze ich beim Chef im Auto. Dort bekomme ich den Auftrag, Wladimir, bezüglich der Organisation, etwas mitzuteilen. Es regnet heftig. Nach dem Kontakt mit Wladimir lande ich in einem Cafe, wo ich mir eine Tasse heißen Tee genehmige. Die Weiterfahrt erfolgt dann bei Werner als Beifahrer im Gepäck- Lkw bis zum Quartier Pereslawskij Rayon.

17. Etappe Di. 25. 6. Pereslawl Salesskij - Jaroslawl 140 km

Auf Anraten des fürsorglichen Tourchefs fahre ich an diesen Tag nur die 2. Halbetappe. Das hat zur Folge, dass ich wieder vom Regen verschont bleibe. In Rostow lauschen wir einem für die russisch orthodoxe Kirche typischen Glockenspiel. Das erinnert mich an eine Szene aus Moussorgskys "Boris Godunow" und an Tschaikowskys "Ouverture solnelle 1812".

Das Wetter hat sich gebessert, und ich fahre zusammen mit Horst Jürgen in Richtung Jaroslawl, das an der Wolga liegt. Auch diesmal stellen wir uns an einer Bushaltestelle unter und warten, bis sich ein Gewitter verzogen hat. In Jaroslawl bekommt Horst Jürgen meinen Streckenplan mit dem Namen des Quartiers. Wir müssen aber einige Male anhalten, dabei kommen die Sprachkenntnisse von Horst Jürgen zum Zuge. Nach dem Abendessen Spaziergang zur Wolga und Fahrt auf dem gewaltigen Strom

18. Etappe Mi. 26. 6. Jaroslwl - Kostroma 100 km

Kurz vor dem Start versuche ich noch schnell von Christel den Namen und die Anschrift des Hotels in Kostroma zu erfahren und auf meinen Etappenplan zu schreiben. Horst Jürgen hält mich mit der Begründung von meinem Vorhaben ab, dass er sich schon entsprechend informiert habe.

Die Polizeieskorte führt uns zunächst in westliche Richtung, wahrscheinlich um ein Industriegebiet zu umgehen. Als wir nach 18 km die Straße M8, die uns schon vom Vortag bekannt war, überqueren, stellen wir eine enorme Verschlechterung der Asphaltdecke fest. Wir fahren durch ein Waldgebiet, auf der linken Seite muss ein Truppenübungsplatz sein. Horst Jürgen erkennt am Knall, dass es sich um Panzerkanonen handeln muss. Wenig später muss er anhalten, um etwas an seiner Kleidung zu richten. Er bittet mich, langsam weiterzufahren. Nach 2 km halte ich an, um auf ihn zu warten. An einer Tankstelle machen wir eine kleine Pause, hier haben wir auch noch Kontakt mit zwei der drei Begleitfahrzeugen. Die Straßenverhältnisse verbessern sich nicht, und die Verkehrsdichte nimmt auch zu.

15 km vor dem Etappenort, Horst Jürgen fährt ca.40 m vor mir, habe ich einen Notfall. Ich kann Horst Jürgen akustisch nicht mehr erreichen. Die Erledigung nimmt ca. 8 Minuten in Anspruch. Ich fahre weiter in der Hoffnung, dass Horst Jürgen das bemerkt hat und auf mich wartet. Als ich die Brücke über die Wolga befahre, habe ich diese Hoffnung längst aufgegeben. Nun konzentriere ich mich darauf, das Quartier zu finden, von dem ich nur weiß, dass es ein Hotel im Zentrum der Stadt ist. Irgendwie gelingt es mir, das Zentrum zu finden. Aber wo ist hier ein Hotel ? Ich habe mir inzwischen zur Angewohnheit gemacht, nach Möglichkeit Polizei (Miliz) oder Taxifahrer nach dem Weg zu fragen. Am Rande eines großen Platzes, den ich als Zentrum ansehe, entdecke ich einen Einsatzwagen der Polizei. Ich kann kein Russisch und so ist es mir nicht möglich, meine Situation zu schildern.

Zufällig erscheint ein Vorgesetzter der beiden im Wagen sitzenden Beamten, der Englisch versteht. Er weist seine Untergebenen an, mich zu dem Hotel zu begleiten. "Follow this car!" sagt er, und mit Blaulicht voraus genieße ich die exklusive Eskorte. Im Hotel angekommen, werde ich mit Worten empfangen, die alles andere als Fürsorge zum Inhalt haben.

19. Etappe Do. 27. 6. Kostroma - Ivanovo 100 km

Der Vorfall von gestern hat mich tief getroffen. Ich wache früh am Morgrn auf und beschließe, ab heute nicht mehr aufs Rad zu steigen. Ich packe die Sporttextilien ein, ziehe Zivil an und setze mich ins Treppenhaus, um einigen aus dem Weg zu gehen. Peter, auch früh auf den Beinen, ist zunächst entsetzt, als er mich so sieht: zerknirscht und demoralisiert. Ich erkläre ihm meine Absicht. Er spricht mit mir ruhig und gelassen, und es gelingt ihm, mich wieder aufzubauen.

Die Etappe nach Ivanovo mit der Überquerung der Wolga per Fähre, ist, was das Wetter, die Landschaft und die Straßenverhältnisse betrifft, einfach super. Gerd Heidemann, die liebe und treue Seele, ist ständig in meiner Nähe. Mit seiner Videokamera ist er mal vor und mal hinter mir. Wir erwarten alle einen schönen Filmbericht von dieser Tour von ihm.

Am Nachmittag Fahrt mit dem Bus nach Palech. Dort besuchen wir ein Museum und Werkstätten, wo es um Ikonen- und Miniaturlackmalerei geht.

20. Etappe Fr. 28. 6. Ivanovo - Susdal 80 km

Bei strahlendem Sonnenschein nehmen wir das letzte Teilstück in Angriff. 15 km fahre ich mit im geschlossenen Verband, wo ein strammes Tempo angeschlagen wird. Es ist mir nun zu langweilig, ständig auf die Fahrweise des Vordermanns zu achten. Ich lasse abreißen und nun habe ich das ganze Panorama der Landschaft vor meinen Augen. Rechtzeitig erkenne ich einen Haufen Pilze, die auf dem Standstreifen zum Verkauf ausgelegt sind. Fast hätte ich den Zorn der Männer über mich ergehen lassen müssen, die im Hintergrund im Gras hockend, auf Käufer warten. Am Büfett fahre ich vorbei, da ich weder Durst noch Hunger verspüre.

Susdal ist ein Zentrum altrussischer Baukunst. Nach der Ankunft im Touristenkomplex gibt es keine Ruhepause. Die Räder werden für den Rücktransport per LKW präpariert und, nach Bestimmungsorten geordnet, verladen. Danach besichtigen wir den Susdaler Kreml. Am Abend verteilt Peter die Teilnehmer-Urkunden.

 

Sa. 29. 6.

Dieser Tag ist ausgefüllt mit Besichtigungen in Vladimir (Goldenes Tor), Spaziergang zur berühmten Kirche am Neri. Am Abend dann ein zünftiges Picknick mit landestypischen Speisen und Getränken.

So. 30. 6.

Per Bus geht es zurück nach Moskau. Vor dem großen Hotel "Rossia", das wir schon kennen, löst sich die Truppe mehr oder weniger auf. Einige bleiben noch in Moskau, die anderen, zu den auch ich gehöre, werden zum Belorussischen Bahnhof gebracht. Mit der Eisenbahn geht es nun Richtung Westen. Nach 26stündiger Fahrt erreichen wir Berlin, wo jeder individuell die Heimreise antritt.